Usedom

Inseltörn Usedom

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Einer sanft dümpelnden Barkasse ähnlich schaukeln wir gemächlich dem hohen Nordosten Deutschlands entgegen. Folgen dem unüberhörbaren Ruf der Natur, welche mit Einsamkeit, entlegenen Stränden und Ruhe fernab vom Trubel der Seebäder lockt. Das wasserreiche Land geizt nicht mit seinen Reizen. Weite, offene Landschaften wechseln sich im Lichtspiel der Wälder ab und alles wird mit Wasser durch unzählige einsame Buchten eingerahmt. Das Nass glitzert wie Perlen im Sonnenlicht. Auch wir sind nun von der Hektik weit entfernt, rollen mit den Motorrädern auf der B110 entlang und lassen den höchsten Berg Usedoms links liegen. Mit seinen 69 Metern wahrlich kein Riese, jedoch darf sich der Moränenhügel Golm als höchste Erhebung Usedoms adeln lassen. Mit Schwung und lautem Schall donnern die Einzylinder durch die ehemalige Bahnlinie Berlin-Swinwmünde-Ahlbeck hindurch. Die reizvolle Landschaft mit ausgedehnten Rotbuchenbeständen rauscht vorbei. In einem welligen Auf und Ab fliegen wir in sanften Schwüngen in Kamminke ein. Als Fischeridyll am Stettiner Haff wird man mit reetgedeckten Fischerkaten in eine andere Welt versetzt. Am Hafen schaukeln Fischerkutter im Wasser, und die Netze hängen zum Trocknen in den goldenen Strahlen der Sonne. Direkt daneben werden die Zündschlüssel abgezogen. Eine Rast in diesem gemütlichen Hafen muss einfach sein. Mit blauem Rauch umschmeichelt die Fischräucherei andere Sinne und eine Auswahl der frisch geräucherten Waren fällt schwer. Genüsslich wird die Pause vom fangfrischen Fisch begleitet und der Magen mit leckeren Meeresfrüchten wieder auf Betriebstemperatur gebracht.

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Gestärkt surfen wir über die sanften Hügel und rollen auf wenig frequentierten kleinen Straßen dahin. Die kleinen Kuppen bieten eine enorme Weitsicht auf das flache Land. Die Federwege stöhnen unter den Querfugen der Betonplatten, welche aneinandergereiht als Straße dienen. Hier bekommt der Begriff Plattenbauten eine vollkommen neue Bedeutung. Linker Hand grüßen die Tragflächen der Flugzeuge vom Hangar 13 in den blauen Himmel hinein. Die KTMs rollen jedoch bodenständig weiter und suchen nicht die Aufgeregtheit der Geschwindigkeit. Milde Kurven und im Wind wiegende Kornfelder lassen Zeit zur Entschleunigung. Das Dorf Bossin duckt sich in einer Senke, als würde es sich verstecken wollen. Die Verbindungsstraße am Ortsausgang gleicht eher einem landwirtschaftlichen Weg und führt aus der Versenkung. Holprige Platten sind mehr schlecht als recht zu zwei parallelen Fahrspuren ausgelegt. Wer die Fahrspur von Trabant, Wartburg & Co nicht trifft muss zwangsläufig in den Sand flüchten. Gegenverkehr zwingt dazu, die Abrisskante zu verlassen und lässt so eine artgerechte Haltung der KTM mit staubiger Fahne zu. Alleebäume, mal wohl sortiert, mal mit wüstem, dichtem Blätterdach, säumen die Straße. Auf Kopfsteinpflaster der Vergangenheit werden die Federwege der Motorräder aufgebraucht. Im dünn besiedelten Landstrich erreichen wir das Bauerndorf Stolpe. Mächtig herausgeputzt lädt das Schloss direkt neben dem Dorfteich und der Backsteinkirche ein. Stolz recken sich die restaurierten Rundtürme in den Himmel und die Motorradstiefel poltern schwer im Inneren auf historischem Boden. Der Bau aus dem 16. Jahrhundert erlebte später unter Friedrich von Schwerin seine Blütezeit. Nach dem Jahre 1945 folgte das wohl traurigste Kapitel in der Schlossgeschichte. So war es ab 1990 vom Verfall durch feuchtigkeitsbedingte Bauschäden bedroht. Kurz danach erwarb die Gemeinde Stolpe das Anwesen und putzte es in den nächsten Jahren zu einer Perle der Umgebung heraus.

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Der Wind fegt die Wolken über das Himmelsfirmament. Ein Wechselspiel aus Licht und Schatten huscht vorbei. Die Scheinwerfer müssen unter dem abgedunkelten Blätterdach ihre Aufgabe bei schönstem Sonnenschein aufnehmen und leuchten den Weg aus. Auf der 111 ist es schlagartig vorbei mit der Beschaulichkeit. Nach kurzem Lückenhopping wird diese umgehend verlassen. Nun kann der Bummelgang wieder in das Getriebe einlegt werden. Von einem Wassergraben umgeben empfängt das Wasserschloss Mellenthin mit einer Brücke. Historisches wird hier hoch gehalten: Zwei Taler Brückenzoll müssen entrichtet werden. Nun dürfen die eisernen Pferde standesgemäß auf dem Hof parken. Das über dem Tor angebrachte Banner „Waffelbäckerei“ lockt uns und unzählige Gäste an. Ware und Taler wechseln den Besitzer. Die Waffel wird mit heißem, schwarz veredeltem Wasser aus Usedoms erster Kaffeerösterei vollmundig abgerundet. Im Geschmack und zu den unzähligen Fragen rund um die Bohne bleiben letztendlich keine Wünsche mehr offen. Da unsere Rösser auf dem Hof schon mit dem Profil scharren, werfen wir nur einen Blick in die Brauerei. Ganzjährig wird selbstgebrautes Mellenthiner Hell und Mellenthiner Dunkel in verschiedenen Geschmacksvarianten angeboten. Je nach Lust und Laune werden auch andere Sorten hergestellt. Oder liegt die angebotene Produktvielfalt doch letztendlich am Promillegrad des Braumeisters? Ohne diese Frage zu klären wandert eine Flasche Dunkles in die Gepäcktasche und wird uns später munden.

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Heiß geht es weiter. Ein kurzer Gasstoß genügt. Der Ort Pudagla wird erreicht. Hier sind wir mit Ralf verabredet. Die Einspurfahrzeuge werden abgestellt, und er nimmt uns mit auf eine Reise in die Lautlosigkeit. Voller Elan wird das Equipment ausgebreitet, zusammengebaut, mit kurzem Fauchen vom Brenner 4250 Liter Luft in die Ballonhülle gepresst und auf Betriebstemperatur gebracht. Ein Kappen des Halteseiles zwingt den Heißluftballon auf Fahrt, Ziel unbekannt. Mächtige Flammen aus den Düsen bringen die gewünschte Höhe, der Wind trägt die Besatzung von dannen. Ruhig schweben wir dahin. Vollkommen lautlos ist die Stille, welche uns umgibt. Wir sind in unserem Element: Sich treiben lassen und genießen. Eine fantastische Sicht auf die Insel breitet sich aus. Die langsam untergehende Sonne spiegelt sich im Wasser. Ein Landeplatz auf dem Lieper Winkel wird angesteuert, jedoch trägt der sich drehende Wind den Ballon auf den Peenestrom hinaus. Über das Ziel hinausgeschossen! Dem Ballonführer zum Verdruss, uns zum Spaß. Eine willkommene Verlängerung. So geht der Korb dann auf dem Festland bei Lassan auf einer Kuhwiese unsanft nieder. Im Anschluss erfolgt die obligatorische Ballontaufe. Tina darf nun den Namen: „Wagemutige Baronin der Vorpommerschen Lüfte Martina zu Lassan – mit Begeisterung über Land, Wasser und allerlei Getier hinweg“ tragen.

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Nach der schwebenden Lautlosigkeit bläst wieder der Donnerschall der Einzylinder dumpf aus dem Auspuff. Bodenständig surfen die KTM zwischen Zirchow und Ahlbeck dahin. Kurvendynamik kommt auf und einem Wellenritt ähnlich folgt der Straßenverlauf der Landschaft. Die Bäume schnüren den Weg ein, und das Blätterdach dunkelt ab. Mit einer letzten langen Linken fliegen die Motorräder auf der längsten Flaniermeile Europas ein. Zwölf Kilometer zwischen Bansin und Swinemünde bieten Raum fürs Posen. Herausgeputzte Villen, edle Karossen und fesche Kleiderordnung finden Platz zum Vorzeigen. Ein Blick auf die Seebrücken und dem Gewusel in den verwinkelten Einbahnstraßen muss genügen. Die Bäderpromenade verschwindet schnell im Rückspiegel, die schmalste Stelle der Insel nach Koserow wird gequert, um anschließend ein vergangenes dunkles Kapitel der deutschen Geschichte – Peenemünde – zu betreten. Wernher von Braun bekam auf diesem abgelegenen Flecken seine Raketenversuche finanziert. Gleichzeitig legte er damit den Startschuss für die heutige Weltraumfahrt.
Die Räder heben nicht ab, vielmehr lassen das Kopfsteinpflaster die Motorräder tanzen. Mit Überqueren des ehemaligen Grenzüberganges nennt sich die Insel nun auf polnischer Seite Wolin. Gut beraten ist der, welcher mit langen Federwegen über das historische Pflaster von Swinemünde holpert. Den Polenmarkt kann man auf Grund fehlender Geschwindigkeit durch grobes Kopfsteinpflaster nicht verfehlen. Ewig lang zieht er sich überdacht an der Straße entlang. Kitsch und Kunst, Krims und Krams und immer wieder Zigaretten werden feilgeboten. Die gesuchte, von den Katzenköpfen zerrüttelte Rücklichtglühlampe wird hier anscheinend nicht in Fernost gefertigt und somit auch nicht angeboten. An feine Kurviertel, alten Plattenbauten und immer den Hafenanlagen entlang stehen wir am Ostseestrand Polens. Die elf Meter hohe Mühlenbake auf der Westmole wird als das Wahrzeichen der Stadt gehandelt. Der weiße Rundturm mit seinen aufgesetzten Windflügeln ragt weit in das Meer hinaus. Auf der Ostseite buhlt der 68 Meter hohe Leuchtturm um Aufmerksamkeit. Im Jahre 1858 errichtet, war er seinerzeit einer der höchsten seiner Zeit.
Die salzige Seebrise trägt im Formationsflug südwärts. Die kostenlose Fähre auf der Straße 93 pendelt als Brückenersatz über die Wellen der Swine. Hier wird in eine noch ursprünglichere Landschaft eingetaucht. Wälder, denen es nicht an die Rinde geht und eine Sumpflandschaft, die das Schilf im Wind wiegen lässt. In Misdroy wetteifert die Seebrücke Molo um die Gunst der Kurgäste mit einer weiteren Seebrücke. Überall wird geputzt, renoviert und aufgebaut, um im sommerlichen Touristenstrom nicht unter gehen zu müssen.
Dem Meer kehren wir den Rücken und kurven in die Einsamkeit. Ein Blick auf den Türkiessee bei Wapnica muss genügen. Weiter westwärts versteckt sich rechter Hand ein U-Boothafen hinter wogendem Schilf. Ab hier herrscht Besinnlichkeit. Mit einem kräftigen Betätigen der Bremse vor der Linkskurve wird das Dorf Marina Kasibor erreicht. Man ist angekommen. Stille und Weite machen sich breit. Der wasserreiche, verschachtelte Landstrich lässt nur eine Sackgasse zu und bewahrt vor Touristenströmen.
Am Steg wird geschrubbt und geputzt. Glänzend spiegeln sich die Boote im Wasser vor der Dorfkneipe Taverna Rybna. Fangfrischer Fisch nach Hausmannskost ist hier Programm. Die Wahl wird schnell getroffen und mit einer ausgiebigen Pause die Idylle nicht nur geschmacklich genossen.
Die Motoren brummen wieder ihr sonores Lied. Ölgeschwängerter blauer Rauch liegt in der Luft. Edle, liebevoll restaurierte Oldtimer rollen über die holprige Alleenstraße. Rechter Hand locken in Dargen eine Simson Schwalbe und ein himmelblauer Trabant auf dem Dach des Technik- und Zweiradmuseum die Besucher an. Wir tauchen hier mit jedem Schritt in die Vergangenheit ein. Kulturgut aus dem DDR-Alltag wurde auf der ehemaligen bäuerlichen Handelsgenossenschaft in Unmengen zusammengetragen. Zweiräder, Autos sowie Nutzfahrzeuge jeglicher Art finden liebevoll einen Platz. Durch die Hallen atmet der Hauch der Geschichte. Wem Messemännchen, Framo, AWO, Aktivist, Pionier und KONSUM etwas sagt, der wird sicherlich unzählige Geschichten berichten können.

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Eine prächtige Kastanienallee fliegt im Wechselspiel aus Licht und Schatten vorbei. Weit reicht die Halbinsel Lieper Winkel ins Achterwasser hinein und wird westlich vom Peenestrom umspült. Auf diesem dünn besiedelten Landstrich Usedom erscheint Warte vor dem Lenker. Reetgedeckte Katen säumen die Straße. Wir sind auf der Suche nach dem „Wahrzeichen“ des Ortes und lassen uns täuschen. Umgehend wird von den Einwohnern Aufklärungsarbeit geleistet. Die Häuser wurden zu damaliger Zeit einfach mit Karbitschlamm gestrichen. Sie waren früher nicht sooo blau. Erst viel später kam der tiefblaue Anstrich. Nach der ausführlichen Farbgeschichte werden wir zur „richtigen“ blauen Scheune geschickt, zu erkennen an der wunderschön bemalten blauen Tür mit einem wilden Garten davor.

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Auf einsamen Wegen surfen wir immer am Wasser entlang, genießen die entlegenen Wege mit den zwei Betonplatten als Fahrspur, um am Wasserschloss Mellentin erneut die Zündschlüssel zu ziehen.

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Ein erneuter Kaffeestopp muss einfach sein, um gestärkt über die Flaniermeile Ahlbecks zu donnern. Die älteste Seebrücke Deutschlands lädt zum Verweilen ein. Hell erleuchtet konkurriert diese mit dem tiefblauen Himmel der hereinbrechenden Nacht. Ein letzter wehmütiger Blick: Wir müssen heimwärts segeln.

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