Pyrenäen

Abenteuer Pyrenäen

Cannigou

Die Räder des DB-Autozugs rollen eintönig gen Süden und singen uns dabei in den Schlaf. Über Nacht erreichen wir so bei strahlendem Sonnenschein das Autozugterminal in Narbonne. Die Motorräder werden vom Autozug abgeladen und schlagen dann gleich den Kurs Richtung Tarbes ein. Genüsslich surren die Profilblöcke vor sich hin, laufen durch liebliche Täler und gewinnen stetig an Höhe. Die Route führt über Bergkämme auf und ab. Riesige Felder mit goldgelben Sonnenblumen wiegen im Wind und wenden ihr Gesicht der Sonne zu. Die letzten Regentropfen aus Deutschland werden vom Fahrtwind verweht. Den ersten Stopp legen wir in Tarbes ein. Bekannt wurde diese Stadt unter anderem durch ihre lange Tradition in der Pferdezucht und Reitkunst. Der Motorradwirt Thibout wartet schon auf uns und bereitet sofort ein köstliches, französisches Drei-Gänge-Menü zu. Am Rande sei bemerkt, dass die Definition von durchgebratenem Fleisch in Frankreich sich doch weit von der in Deutschland unterscheidet. Nichts desto trotz speisen wir wie Gott in Frankreich und ein französischer Wein rundet den Tag perfekt ab.
Nach einer erholsamen Nacht und einem üppigen Frühstücksbuffet starten wir gestärkt die Motorräder. Zunächst wird das sich schlängelnde Teerband nach Süden unter die Reifen genommen. Kaum aufgewärmt, müssen diese aber wieder verstummen. In Lourdes berührt nämlich der Seitenständer Asphalt. Ein Wallfahrtsort, der jährlich von fünf Millionen Pilgern besucht wird, muss ja etwas Besonderes sein. So erklimmen wir das Château-Fort. Das Schloss liegt auf einem Hügel und in ihm befindet sich ein Museum. Von oben sieht man die Menschenmassen und erkennt das gesamte Ausmaß der Pilgerstätte Lourdes. Wir steigen hinab, tauchen in diesen Strom ein und bestaunen den Kirchenkomplex.

Lourdes I . Lourdes II

Eine plätschernde Quelle verspricht Gesundheit und Genesung. Uns bringt sie erst einmal Erfrischung vor der Flucht in die Berge. Die Straßen schwingen sich von rechts nach links und hangeln sich immer höher. Der Magen meldet bei dem ständigen Schräglagenwechsel Leere an. So wird nach dem kleinen Örtchen Sia rechts der Blinker gesetzt. Ein einfaches Berghaus empfängt uns, aber auch etwas Köstliches! Das Gâteau à la Broche ist eine Baumkuchenspezialität der Region und wird über dem offenen Feuer an einem Drehspieß gebacken. Der Bäcker lässt uns bei der Herstellung dieser Köstlichkeit zusehen und auch selbst Hand anlegen.

Gateau a la Broche . Gateau

Nach der Genussreise schwingen wir uns hoch motiviert auf die Motorräder. Das Kurvenbarometer steht nun wieder auf Fahrt. Es folgt eine Strecke, die das Motorradfahrerherz höher schlagen lässt. In einem riesigen Felskessel ziehen wir den Zündschlüssel. Ein wenig müssen die Stiefel als Wanderschuhe missbraucht werden, um in den Cirque de Gavarnie zu gelangen. Die 1400 Meter hohen Felswände ragen steil in den Himmel. Am Grande Cascade stürzt ein 422 Meter hoher Wasserfall hinab. Er zählt zu einem der höchsten Europas. Die nächste Sackgasse liegt direkt nebenan: Der Cirque de Troumouse. Ein Mauthäuschen gibt uns den Weg frei. Aber was für einen, diese Strecke sollte man unbedingt unter die Räder nehmen! Ein schmales Asphaltband windet sich immer höher und stapelt sich einer Treppe gleich in den Himmel. Nach der letzten Kurve stehen wir in einem Bergkessel.

Troumouse I . Troumouse

Eine Sackgasse, welche man aber wirklich gerne zurückfährt, um in Luz-St. Sauveur nach rechts abzubiegen. Die Straßenmalereien der Radfans von der Tour de France zeigen uns den Weg zum Col du Tourmalet. Die Straße schmiegt sich an den steilen Hang und die Kurven folgen der unbeugsamen rauen Landschaft. Von weitem leuchtet schon das weiße Observatorium auf dem Pic du Midi de Bigorre. Mit vielen kurzen Gasstößen und wechselnden Reifenflanken erstürmen wir den 2115 Meter hohen Tourmalet. Ein Stopp gehört zum Pflichtprogramm. Rennradler kommen völlig erschöpft an und stoppen die Zeit für den Aufstieg. Da stürzen wir lieber zeitlos die Ostseite des Passes in die Tiefe und bringen das Gleichgewichtsorgan zum Brummen. Um den Kopf wieder zu richten, besuchen wir das Musée du Béret in Nay. Das kleine Museum befasst sich mit der Herstellung und Geschichte dieser Hüte. Die Baskenmütze ist heute noch die traditionelle Kopfbedeckung. Der bekannteste Träger dürfte wohl Ché Guevera gewesen sein. Wir tauschen unsere Kopfbedeckung nicht, sondern rollen weiter durch das liebliche Tal Vallée d`Ossau. Langsam zirkeln die Kurven in die Höhe. Die Wolken streichen über das Visier unserer Helme. Wir tasten uns dem Himmel entgegen. Plötzlich erscheint eine ungewöhnliche Lichtstimmung. Kurz darauf befinden wir uns über den Wolken. Die Tauchfahrt durch den Nebel belohnt mit funkelnden Sonnenstrahlen und einem satt blauen Himmel. Nur die Bergspitzen schauen aus dem Weiß heraus. Am Col d`Aubisque klappen werden die Seitenständer wieder einmal ausgeklappt. Wir genießen das seltene Panorama mit Café au lait und Crêpes chocolat.

Wolken I . Wolken II

Doch bald schon holen die Wolken uns ein. Durch den Nebel tasten wir uns an den Straßenmarkierungen talwärts, um den Tag mit weiteren französischen Leckereien ausklingen zu lassen.
Auf die Pässe, fertig, los! Mehr Berg geht nicht! Wohlklingende Namen wie Col de Portet d’Aspet, Col de Menthé und der See Lac d´Oó wollen eingesammelt werden. Dann keine Zeit verlieren und ab auf die Motorräder. Am Col de Peyresourde legen wir an einer urigen Hütte eine Siesta ein, um Crêpes gestärkt auf kleinsten Sträßchen zum Gebirgsmassiv de Néouvielle zu sprinten. Durch Wälder steigt die schmale Gasse an, um in unzähligen Kurvenkombinationen in die raue Gebirgslandschaft aufzusteigen.

Oredon I . Oredon II

Wolken wabern durch die Luft und streichen wieder einmal über das Visier. Durch die Nebelfetzen können wir den Lac d´Orédon erspähen. Am Stausee Lac de Cap de Long belebt man den Körper dann mit Koffein und lässt den Tag kurvenschwingend über den Col d’Aspin ausklingen.
Langsam müssen wir uns von unserem französischen Motorradfreund mit dem Ziel Roncesvalles verabschieden. Durch kleine Straßen schlängeln wir uns durch herrliche Landschaften, queren den Ibañeta-Pass, um in tiefer Kurvenlage in den Pilgerort einzufliegen. Umgehend klopfen wir bei der Herberge der Augustiner. Leider bekommen hier nur wandernde, radelnde oder berittene Wallfahrer Einlass. So müssen unsere Pferde wieder die Sporen spüren. Die N135 zieht sich nach dem kurvenreichen Aufstieg unaufgeregt und schnurgerade durch eine Baumallee. Daher wird der Jakobsweg umgehend verlassen. Wir tauchen hinab in die Sierra de Abodi. Das Teerband beginnt unaufgeregt und linker Hand leuchtet der Pyrenäenhauptkamm im goldenen Abendlicht. Wolkenfetzen werden herübergedrückt und rutschen die Berge hinab, um dann von der Sonne aufgeschleckt zu werden.

Kamm

Die Geraden lassen Zeit zum Schauen. Aber nicht allzu lange, dann spielt ein anderer Takt. Heiß geht es zu: Gas geben, anbremsen, reinlegen, umlegen in den unterschiedlichsten Variationen. Die Musik spielt zum Höhepunkt mit einer satten Kurvenorgie auf. In Ochagavia wird die Viertaktsinfonie abgestellt. Hektik und Aufregung sind hier ein Fremdwort. Alte, enge kopfsteingepflasterte Gassen laden zum Bummeln ein. Auffällig sind die sechs Brücken der 600 Seelen Gemeinde. Ein kleiner hübscher Ort zum Verweilen.
Heute üben wir uns im Kurvenschwingen. Vorerst auf breiten Bögen wird die NA178 unter das Profil genommen, um dann wieder auf engem, kurvenreichem Weg den Ort Bigüézal zu erreichen. Ab dort dürfen die Stollen sich nützlich machen. Durch den Wald steigt die Piste stetig an und gibt langsam die Sicht frei. Ein schmaler Weg durch enge und überhöhte Spitzkehren bringt uns auf den 1355 Meter hohen Monte Arangoiti. Mit herrlichem Panoramablick auf die Sierra de Leyre wird eine Pause eingelegt. Der Stausee von Yesa liegt uns zu Füßen. Die Greifvögel schrauben sich über unseren Köpfen in der Thermik nach oben.

Arangoiti . Stausee

Das nächste Ziel kann man von hier oben schon ausmachen und die Schlucht Foz de Arbayun wird mit ein paar Gasstößen erreicht. Ein gigantischer Taleinschnitt mit 400 Meter hohen Steilwänden. Ein Paradies für Greifvögel, welche von einer Aussichtsplattform beim Brutgeschäft beobachtet werden können.

Arbayun

Die Zeit schreitet voran und läutet den Aufbruch ein. Der kühlende Fahrtwind bringt Frische nur für kurze Zeit, da die Motoren bei der Abtei San Salvador de Leyre schon wieder verstummen. Wir queren den von mehreren hufeisenförmigen Bögen geschmückten Eingang, um dann im gewaltigen Kircheninneren zu stehen. Wir steigen hinab in die von massiven Säulen getragene Krypta und sind von deren Ausmaß überrascht, halten inne, doch von der tief stehenden Sonne werden wir zur Weiterfahrt ermahnt. So wird die gut ausgebaute N240 geentert und zum Zwischenspurt genutzt, um dem Hinweisschild zum Monasterio San Juan de la Peña zu folgen. Spektakulär ist es in einem Felsen gedrückt. Eine Besichtigung bringt uns zu folgender Erkenntnis: Was muss es früher für ein einsames Leben gewesen sein! Die Motorräder werden gewendet und wedeln durch die kurvigen Straßen und Wälder nach Ochagavia zurück. Die Sonne verschwindet am Horizont. Die Scheinwerfer tasten sich durch die hereinbrechende Nacht.
Am nächsten Tag zeigt das Cockpit nordwärts. Die Straße dreht sich wie ein Brummkreisel immer höher. Hinter einer Brücke lässt eine 360 Grad Kurve Zeit für eine ordentliche Portion Schräglage. Nach einem kurzen Augenblick nutzen wir die Brücke erneut. Dieses Mal jedoch von oben. Im Augenwinkel huscht die Schleife vorbei. Wir fahren uns fast schwindelig im Kurvenrausch bis zum Col de la Pierre St. Martin. An einer kleinen Käserei am Wegesrand gönnen wir den Motorrädern und uns eine Verschnaufpause. Hier kommt das eingepackte Baguette zum Einsatz und wir kosten unterschiedlichste Käsesorten. Nach der Stärkung lässt uns die Bäuerin dann auch noch bei der Käseherstellung zusehen. Anschließend fahren wir flux das nächste landschaftliche Highlight an. Welche wohlklingende Namen fliegen vorbei: Collado de la Piedra San Martin, Pas d´Arlas, Pas de Massare, Col de Soudet, Col da Suscousse,… Pass an Pass in einer wunderbaren Gegend – kahle grüne Berge mit weiter Sicht. Die Bauernhöfe machen sich in Miniatur im Tal aus. Die Straße hangelt sich an den Gipfeln entlang und wurde in den Hang gehauen. Geier kreisen in der Luft und fliegen dicht über unseren Köpfen hinweg. Einfach eine himmlische Runde!

Fernsicht . Kuh

Über die wunderbare Passstraße A176 steuern wir den Ordesa Nationalpark an, schlagen nach Querung einer alten Steinbrücke unsere Bleibe auf. Weite Blicke schweifen über die Gebirgszüge und zum Berg Mondarruego. Imposante Schluchten aus hellem Kalkgestein laden zum Verweilen ein.

Steinbrücke

Wir folgen jedoch nicht dem Müßiggang und entern die Enduros. Ein Hinweisschild „Kurvenreiche Strecke mit dem Zusatzschild 35 Kilometer“ zaubert ein breites Lächeln unter dem Helm hervor. Wir hangeln uns immer weiter am Rio Ara entlang, um am wohl bekanntesten Geisterdorf Jánovas den Zündschlüssel abzuziehen.

Janovas

Viele Bewohner des Hoch-Aragón haben ihre Dörfer auf der Suche nach Arbeit verlassen. Ihre Häuser verfallen und sind inzwischen eine Touristenattraktion. Jedoch werden die Resthöfe wieder gesucht und als Feriensitze aufgebaut. Die herrliche Lage der Hochgebirgsregion und die Nähe zum Nationalpark machen dies möglich. Um in diesen einzutauchen nutzen wir eine sehr spektakulärste Strecke in den Pyrenäen, queren den Ort Escalona, um in das Anisclo-Tal zu gelangen. Hier führt die HU 631 durch das stark zerklüftete Valle de Vió. Eine Schlucht, welche an amerikanische Canyons erinnert. Die Straße fließt durch den Fels gehauen und steigt mit mächtigem Überhang über unseren Köpfen empor.

Vallr

Die Zeit rückt voran und wir ziehen weiter. Dazu donnern wir wieder über die gut ausgebaute, kurvenreiche N260 hinweg. Plötzlich verliert sie diesen Charakter, wird immer schmaler und presst sich durch eine schöne enge Schlucht, um später wieder Fernstraßencharakter anzunehmen. Nach geraumer Zeit verlassen wir diese, um über kleinste Gassen den Campingplatz in Castellbó anzusteuern. Der herzliche Empfang von Maria wird von einem erfrischenden Getränk begleitet. Wir richten uns ein, und der Abend klingt auf dem kleinen Marktplatz unter den Einheimischen aus. Eine herrliche Atmosphäre.
Die lange Anreise hat viel Luft im Spritfass hinterlassen. So wird Andorra unter die Reifen genommen und der Tank äußerst preiswert entlüftet, damit wir den höchsten asphaltierten Pass der Pyrenäen erfahren können. Der Port d’Envalira befindet sich schon auf 2408 Meter Höhe. Seitlich geht eine Schotterpiste immer weiter aufwärts und diese weckt Neugierde. Auf die Stollen, fertig und los. Flugs wird der Pic Maia auf 2614 Meter erreicht. Herrlich ist das Panorama von hier oben und ein kühlender Wind weht.

Maia I . Maia II

Das riecht nach mehr. So wird die Sackgasse verlassen und den Hinweisschildern „Freizeitpark Juberrí“ gefolgt. Hier gibt es Spaß für Groß und Klein, ein Spielplatz für alle. Von Bergrutschen bis zur Quadrunde ist alles möglich. Wir folgen den Staubwolken und befinden uns in einem riesigen Gebiet wieder. Nach Querung eines Tales geht es immer aufwärts. Gipfelhopping ist angesagt. Von Kamm zu Kamm wird gesurft. Die schnell aufziehenden Wolken mahnen uns zur raschen Rückkehr. Im Schotterfieber wird für den nächsten Tag die nächste Runde herausgesucht.
Nun gilt: Sprinten durch den Wald an der Kirchenruine San Joan de l´Erm vorbei, um nach Alos d´Isil zu gelangen. Hier beginnt das Vergnügen auf losem Untergrund. Eine herrliche Piste breitet sich vor uns aus. Lieblich windet sich das schmale Band auf und ab und gibt herrliche Blicke frei. In wilden Serpentinen windet sich der Weg nach Bagergue und die nächste Schotterschicht kann beginnen. Wir tauchen in eine wildere, rauere Landschaft ab und sind allein.

Schottern I . Schottern II

Wir erreichen wieder einmal die Wolken, um auf der anderen Seite diese in Richtung Arrós zu verlassen. Die weiße Pracht stellt sich als stetiger Begleiter bis ins Tal heraus. Die Hoffnung, den höchsten Berg der Pyrenäen zu sichten, schwindet. Der Aneto verbirgt sein Haupt und wir drehen ab. Der Pass Puerto de la Bonaigua entschädigt mit einer satten Kurvenpartie und die Einladung zum Fest de Major wartet ebenfalls. Maria bringt das Reisefieber mit einem üppigen Abendmahl und Wein wieder auf Fahrt und wir stürzen uns zum Feiern unter die Leute. Die Zeit vergeht viel zu schnell. Der Abschied von Maria fällt uns schwer, doch die Motorräder warten bereits auf die nächsten Kurven. So rollen die Räder weiter ostwärts zum Camping del Bosc am Canigou.
Die Sonne blinzelt uns in aller Frühe wach. Über kleinste Straßen wedeln wir in Richtung Ansigan. Neuer Belag, rau wie Sandpapier, erfreuet das Motorradfahrerherz. Selbst die äußeren Stollen müssen in das schmale Asphaltband beißen. Vorsicht ist geboten, da die Felsen bis auf die enge Fahrbahn reichen. Deren Spitzen tragen Kennzeichnung mit weißer Farbe. Nach der schweißtreibenden Kurvenpartie ruft der alte römische Aquädukt in Ansigan zur Pause.

Aquädukt

Idyllisch im Tal gelegen, wird es von Weinfeldern umgeben. Noch heute leiten die Anwohner Wasser über das uralte Bauwerk, um die Felder und Gärten zu bewässern. Das nächste Naturspektakel lockt uns weiter. Die imposante Schlucht Gorges de Galamus. Rechts ragen die steilen Felsen fast senkrecht in die Höhe und ebenso steil auf der anderen Seite stürzen sie in die Tiefe. An der Ermitage St.-Antoine wird der Zündschlüssel gezogen, um in die in der Steilwand hängenden kleinen, engen Einsiedlerei zu gelangen. Ein enger Tunnel führt hinab, Höhenangst hat hier keinen Platz. Schweißgebadet kehren wir zurück und benötigen dringend Fahrtwind. Imposante Landschaften und Bauwerke fliegen im Land der Katharer vorbei. Rechter Hand erhebt sich in schwindelnder Höhe das Château de Peyrepertuse. Mühsam erklimmen wir dieses auf engen, steilen Eselspfaden. Die berühmte Katharerburg Château de Queribus sichtet man auf dem gegenüber liegenden Fels und wird mit einem nächsten Gasstoß ebenfalls eingenommen. Durch ein Meer von Weintraubenreben wedeln die Bikes in Richtung Îlle-sur-Tête. Im letzten Sonnenlicht erreichen wir die Orgelpfeifen, Les Orgues genannt, und fühlen uns in die Türkei versetzt. Goldgelb leuchten die seltsamen Sandsteinformationen, durch welche wir genussvoll schlendern.

Les Orgues

Nach so vielen Eindrücken tasten sich die Scheinwerfer durch die hereinbrechende Dunkelheit und wir rollen weiter in Richtung Nachtquartier. Mit Kaffee Gourmond und einer Katalonischen Platte lassen wir den Tag genussvoll im Festungsdorf Villefranche-de-Conflent ausklingen.
Jetzt steht erst einmal Schottern auf dem Programm. Der Canigou wird unter die Stollen genommen. Der Einstieg ist leicht gefunden und der Weg schraubt sich in Serpentinen durch den Wald. Schotter, Sandweg und Teerflecken wechseln sich ab. Immer mehr freie Ausblicke sind zu bestaunen, bis die Einsamkeit der Berge zum Verweilen einlädt. Strahlend blauer Himmel und freie Blicke auf die Berggipfel sind der Lohn.

Canigou I . Canigou II

Am Pass angekommen, formt sich die Piste zu einer gut befahrbaren Sandpiste. Mit wehender Staubfahne tauchen wir in den von Sonnenlicht gefluteten Wald hinein. Einige staubige Serpentinen wollen durcheilt werden. Die Wegführung geht in eine in den Fels gehauene Straße über. In Villerach taucht wieder Leben auf.
Am nächsten Tag wird zeitig aufgestanden, denn nach so viel Berg möchten wir wieder das Meer schmecken. Tau bedeckt die KTMs und der Motor inhaliert die kühle Morgenluft. Er brummt sein monotones Lied über schnelle Straßen nach Figueres. Das Ziel heißt Dali Museum. Beim Anblick der wartenden Menge wird der Motor nicht kalt. Wir flüchten aus dem Gewimmel der Stadt. Das Navi führt uns in Richtung Lligat, wo sich Dalis Wohnhaus befindet. Die letzten Hügel werden erklommen, tiefblau schimmert uns das Meer entgegen. Die ersten Boote sind zu sehen. Wir haben den Geschmack des Salzwassers auf der Zunge. Dalis Haus liegt malerisch in der Bucht und ist von weitem durch übergroße Eier auf dem Dach auszumachen. Vorgelagerten Inseln schützen den idyllische Fischerort. Wir verweilen ein wenig, um dann die kleine Straße zum Cap de Creus zu folgen. Wir stehen am östlichsten Punkt der Halbinsel. Jeder hängt seinen Gedanken nach und unserer Reise neigt sich dem Ende zu. Über die N260 schwingt man in weiten Bögen nach Norden. Diese gehört zu den schönsten Küstenstraßen des Mittelmeeres.

N260

Die Berge versinken im Meer. Wir packen unsere Ausrüstung zusammen und die Pyrenäen werden im Rückspiegel immer kleiner.
Monoton rattern am Ende die Eisenbahnräder unter uns und wiegen uns wieder in den Schlaf. Während wir von unzählig durchfahrenen Kurven träumen, rollen wir heimwärts, weg aus der Sonne.

Ende

Infos Pyrenäen
Stand 2012

Allgemeines:
Der Gebirgszug Pyrenäen bildet die natürliche Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Dieser erstreckt sich vom Atlantik bis zum Mittelmeer auf einer Länge von ca. 450 Kilometern. In ihm eingebettet befindet sich der Zwergstaat Andorra und auf französischer Seite die Enklave Llívia, welche zu Spanien gehört.
Von engen, überhöhten Serpentinen bis 360 Grad Kurvenorgien findet in den Pyrenäen definitiv jeder seine Kurve. ist alles möglich. Fahranfänger sollten diese Region nicht unbedingt als erstes Fahrtziel wählen. Auf engen Singleroads ohne Sicherung sollte das Motorrad gut beherrscht werden.
Vom besten Straßenbelag bis zur steilsten schottrigen Auffahrt kann jeder seine Grenzen er“fahren“. Den Stollenreitern sei eine rücksichtsvolle Fahrweise im Gelände ans Herz gelegt. Es sollte selbstverständlich die Geschwindigkeit beim Begegnen von Wanderern und Mountainbiker gedrosselt werden. Diese danken den respektvollen Umgang miteinander in der Regel mit dem Gruß ihrerseits. Die Hinweisschilder an den Einstiegen sollten respektiert werden.

Reisezeit:
Für die Reisezeit gibt es in den Bergen keine allgemeingültige Empfehlung. Generell kann diese aber von Mai bis Oktober gefahren werden.
Auf der Tour selbst muss Flexibilität eingeplant werden.. Wenn es auf der französischen Seite regnet, kann man auf der spanischen Seite zum Teil im schönsten Sonnenschein fahren. Wem es im Norden Spaniens zu heiß wird, flüchtet in die französischen Berge.

Anreise:
Die bequemste und relaxte Anreise ist es, den Autoreisezug mit dem Zielbahnhof Narbonne zu benutzen. Eine Abfahrt erfolgt von folgenden Terminals: Düsseldorf, Neu-Isenburg, Berlin und Hamburg. www.dbautozug.de

Übernachten:
In Tarbes übernachteten wir bei einem Motorradfreund. Für den Rest der Reise nutzten wir Campingplätze. Auf der französischen Seite kann es in der Hauptsaison vorkommen, dass die Plätze ausgebucht sind und weitere angefahren werden müssen.
Zweckmäßig eingerichtet ist der Campingplatz „Osate“ in Ochagavia. Dort werden ebenfalls auch Hütten angeboten. Dieser ist nur über Brücken erreichbar. Eine Verständigung ist in Französisch und Englisch möglich, sofern man kein Spanisch beherrscht: www.campingosate.net

Wunderschön im Talkessel gelegen ist der Campingplatz „Rio Ara“ bei Torla unmittelbar vor dem Ordesa Nationalpark. Moderne Sanitäranlagen mit Einkaufsladen und Bar vervollständigen den Platz. Erreichbar ist dieser ebenfalls über eine alte Steinbrücke. Unmittelbar nach dem Ort ist der Platz ausgeschildert. www.ordesa.net/camping-rioara
Freunde des losen Untergrund sei nach Torla folgender Platz empfohlen: Bujaruelo. Der Platz ist nicht durch Bäume abgeschattet, liegt aber unmittelbar an der alten Steinbrücke „Puente de San Nicolás“ am Fluss Rio Ara in einer Sackgasse inmitten der Natur. Idylle pur. Dorthin muss man Torla durchfahren in Richtung Nationalpark. Am Eingang dessen am Kreisel links in die Straße einbiegen und bis zum Erreichen der alten Brücke durchfahren.

Camping Castellbó im Ort Castellbó westlich von La Seu d’Urgesell. Ein äußerst einfacher Platz inmitten den Bergen. Dieser lebt nicht von seiner Ausstattung sondern dem Drumherum. Er befindet sich neben einer alten Steinbrücke am Rand des Dorfes. Maria ist Receptionistin, Einkaufladen- und Restaurantbetreiberin sowie die gute Seele für alle Sorgen in einem. Hier ist der Treffpunkt vom Dorf. Wer sich mehrere Tage aufhält, ist schnell im Geschehen integriert. Dorfleben pur. Maria hat für alles ein offenes Ohr und für eine Lösung. Selbst die Pfanne wird zur späten Stunde noch einmal aufgeheizt. Ein Abendbrot mit Omlett, dreierlei selbstgemachter Wurstsorten, Brot und Hauswein kostet pro Person sechs Euro. Maria spricht Englisch und ein wenig Deutsch. Telefon: 973-352155, Koordinaten: N42°22.379’, E1°21.585’, keine Homepage.

Der Platz Camping del Bosc ist nur als Notlösung zu empfehlen. Da die Plätze bei Prades keine Kapazitäten aufwiesen, wichen wir hierhin aus. Die Lage ist unmittelbar neben der Straße auf einem sandigen, steinigen Platz.
www.camping-del-bosc.com

Von uns nicht angefahren, aber Treffpunkt der Freunde ohne Schotterallergie ist der Ort La Puebla de Roda, Camping Isabena. Dieser wird von der deutsch-spanischen Familie Badia geführt.
www.isabena.eu

Literatur und Karten:
Wir nutzen die Karte Pyrenäenländer im Maßstab von 1:400 000 von freytag&berndt. Für die Suche nach dem kleinsten Enduroweg empfehlen sich die vor Ort erhältlichen Wanderkarten Mapa Excursionista im Maßstab 1:40 000. Das Pyrenäen Handbuch vom Reise Know-How Verlag enthält eine Unmenge an Informationen und Tipps parat.
Zum Heraussuchen einiger Pisten zogen wir das Heft Offroadstrecken Pyrenäen Andorra/Spanien von Martin & Dana Motorradreisen heran.
www.mdmot.com

Sehenswürdigkeiten:
Die Pyrenäen bieten für jeden Geschmack etwas. Je nachdem wie einem der Sinn steht, kann man der Wein- oder Käseroute folgen. Die unzähligen Sehenswürdigkeiten sind oft mit großen Schildern ausgewiesen.
Zu unseren persönlichen Highlights zählt unter anderem der gigantische Talkessel Cirque de Troumouse, welcher Aussicht und Schräglage vereint. Das selbstgebackene Gâteau à la Broche in Sia bereichert geschmackvoll die Pause. Der Tourmalet Pass folgt ein Stück der legendären Tour-de-France. Einsame und schmale Straßen findet man im Baskenland zwischen Roncesvalles, Ochagavia, Manleon-Licharre und St. Jean de Port. Vorher Volltanken nicht vergessen! Ein Besuch des Ordesa Nationalpark mit seiner Schlucht Valle de Añisclo gehört zum Pflichtprogramm eines Aufenthalts. Eine Unmenge gut erhaltener alter Brücken und das wohl berühmteste Geisterdorf Jánovas sind in der näheren Umgebung zu erkunden. Sehenswert sind auch die Ruinen der Katharerburgen von Quéribus und Peyrepertuse. Nur bei Schwindelfreiheit sollte die Schlucht Gorges de Galamus befahren werden Auf sicheren Boden bewegt man sich in „Klein-Kappadokien“ bei Îlle-sur-Tête. Die Sandsteinformationen „Les Orgues“ sind ein Besuch wert.

Offroadpisten:
Zum Aussichtspunkt / Berggipfel Monte Arangoiti ist es ein leichtes zu fahren. Allerdings ist in den letzten überhöhten Serpentinen mit losem Schotter zu rechnen.
Die Abkürzung von Castellbó über Sant Andreu zur Straße C-26 ist mit einem Durchfahrtsverbotsschild versehen. Auf Nachfrage bei den Einheimischen hieß es: Langsam durchfahren, da diese als Verbindungspiste von diesen genutzt wird. Sie ist leicht zu befahren und die Entscheidung zur Durchfahrt sollte jeder selber treffen.
Die in MDMot als Endurogebiet beschriebene Piste in Andorra ist nichts für Anfänger. Große Reiseenduros sollten erfahrene Reiter besitzen. Mit leichten Stoppelhopsern ist man hier besser bedient. Ein herrliches Gebiet, um von Kamm zu Kamm zu schottern. Allerdings teilt man sich den Spaß mit Allradlern und Quads. Dementsprechend ist der Zustand der Piste.
Der östliche Bogen der in MDMot als Grenzblick beschriebenen Route ist eine Augenweide. Diese ist sehr einfach zu befahren, PKW verkehren hier ebenfalls. Der westliche Teil ist in den Auf- und Abfahrten steiler und teils mit losem Schotter. Großenduros mit routinierten Lenkern dürften keine Probleme bekommen.
Das Massiv du Canigou ist fantastisch und nur etwas für Frühaufsteher. Die Einfahrt aus Fillois ist von 8.00 bis 18.00 Uhr gesperrt und mit einem Zusatzschild „Durchfahrt bei Nacht verboten“ gekennzeichnet. Eine schwer nachzuvollziehende Beschilderung. Der östliche Einstieg bei Villerach ist einfach und nur mit einem Durchfahrtsverbot bei Nacht ausgeschildert. Die Piste wird auch von PKW befahren.

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